Mein erstes Mal "Langdistanz"

Ich möchte mich auf diesem Weg bei ALLEN bedanken die mich am vergangenen Sonntag über die Strecke „getragen" haben. Insbesondere geht der Rückblick an meine Freundin Franziska, meine Freunde und Familie die mich in den letzten 9 Monaten kaum gesehen haben.

VORBEREITUNG

Insgesamt habe ich ca. 5000 km mit meiner Zweitbeziehung („sie" heißt Canyon), über 1500 km in diversen Laufschuhen und über 100 km im Schwimmbad verbracht. Während der ein oder anderen Trainingseinheit hab ich mir schon gedacht was ich da eigentlich treibe (z.B. bei meiner Schlüsseleinheit an Christi Himmelfahrt: 173km Challenge Strecke ALLEIN abfahren von Nürnberg nach Greding und zurück bei 34°C) - auf der anderen Seite habe ich während der letzten Monate so viele tolle Menschen kennengelernt und möchte rückblickend diese Erfahrungen nicht missen. Ganz besonderer Dank geht an meinem Trainer Werner Bruns der mich durch die letzten 9 Monate geführt hat (in der zweiten Radrunde hab ich kapiert warum die langen Einzelfahrten auf der Challenge Strecke notwendig sind).

 

STARTUNTERLAGEN

Nach der (aller)letzten morgendlichen Schwimmeinheit im Röthelheimbad gings am Donnerstagnachmittag ab nach Roth in den Triathlonpark um die Startunterlagen abzuholen. Kaum war ich im Meldezelt haben sie pünktlich um 18:00 Uhr das Meldezelt geschlossen (puh - erste Disziplin innerhalb des Zeitlimits geschafft). Schließlich noch ein paar Gels eingepackt (ich werde das nächste Jahr keinen Honig mehr essen - aber dazu später mehr) und dann ab zu Werner um die letzten Tipps für das Rennen mitzunehmen. Ich fühle mich gut vorbereitet und im Grunde kann ich jetzt nichts mehr verbessern - ab jetzt geht es darum gesund an die Startlinie zu kommen - das beruhigt und macht mich zuversichtlich für Sonntag.

 

TEAM-FOTO und BIKE-CHECK-IN

Zunächst haben wir uns im Triathlonpark getroffen um das TKN-Teamfoto zu machen. Vielen Dank an Markus für dieses unheimlich schnelle TKN-Tri-Top. Ich werde es lange in Erinnerung behalten (allein schon wegen dem ausgeprägten Sonnenbrand auf meinem Rücken). Im Anschluss der Bike-Check-In und die Abgabe meines Laufbeutels. Es kribbelt langsam...

 

RACEDAY

03:00 Uhr
Es geht los - alles ist vorbereitet - allmorgendliches Ritual: ein großes Stück vom besten Schokoladen-Kuchen und eine Tasse Kaffee. An dieser Stelle muss ich mich für die unzähligen Kuchen bei Franziska bedanken die ich Woche für Woche gebacken bekommen habe damit ich mit dem vielen Training nicht „vom Fleisch falle". Dann die Startnummern-Tattoos auf die Oberarme gebügelt und los geht's...

04:15 Uhr.
Ankunft in Heuberg. In der Ferne sind die Scheinwerfer des Schwimmstarts zu sehen. Es ist still da draußen. Wechselbeutel und Luftpumpe eingepackt und hinunter zur Wechselzone. Christian ist auch schon da. Die Anreise ist schon mal ohne Stress überstanden. Es ist so gut wie nichts los, deshalb haben wir das Handtuch ausgepackt und einen letzten Power-Nap gemacht.

05:00 Uhr.
Die Wechselzone wird geöffnet. Rad mit Gel`s beladen, Reifen aufpumpen und den Weg durch die Wechselzone nochmal abgehen damit`s später nicht drunter und drüber geht. Zwei Meter weiter - ein Reifen ist in der Hitze des Vortages hochgegangen - Platten - zum Glück hat mir einer der Kampfrichter am noch den Tipp gegeben über die Nacht die Luft aus den Reifen zu lassen. Dann ein weiterer Reifenplatzer in der nächsten Reihe - beim Aufpumpen - die Anspannung steigt.

06:15 Uhr.
Die Profis begeben sich langsam an den Schwimmstart. Die heroische Musik wird lauter und Zuschauer strömen massenweiße auf und unter die Brücke. Der Moderator heizt die Massen an. Kati & Domi kommen bereits zum Profischwimmstart und wünschen mir alles Gute (ich hab mir im Nachhinein sagen lassen dass ich sehr nervös gewirkt habe). Dann der erste Kanonenknall und der Start der Heißluftballons - ich hab das Gefühl es sind jedes Jahr mehr Zuschauer.

07:00 Uhr.
Ab in die Wechselzone für die letzten Vorbereitungen. Aufs „Häusle", kurz am Rad vorbei - hoffentlich ist noch Luft drin - und dann ein bequemes Eck suchen um den Neo drüber zu ziehen. Die letzten vier Stunden haben sich angefühlt wie EINE. Immer wieder Kanonenschüsse - jetzt ist`s vorbei mit der Entspannung - ein Gel rein und den letzten Beutel abgeben: es bleiben übrig: Neo + Gummimütze + Brille und ICH.

07:35 Uhr
Die Startgruppe 12 kommt in den Käfig. Dann geht alles wie am Fließband. Ins Wasser spazieren. Brille nass machen und lässig zur Startlinie schwimmen. Bevor ich großartig ins Grübeln kommen konnte knallte es das nächste Mal. Na dann - wenn ich schon mal hier bin - los.

 

SCHWIMMEN

Also hab ich den alten Dampfer angeworfen. Ganz entspannt - keine Panik - du kannst im Schwimmen nichts gewinnen. Halte dich aus dem größten Schlamassel heraus - sollen sie doch los die „Tiere" - ich hol sie mir schon wieder. Das krasse an der Schwimmstrecke ist es, dass man die erste Wendeboje erst mal nicht sehen kann. Aber egal nach ziemlich genau 30 Minuten war ich dann rum um das Ding. Bis dahin sind mir dann die rechten Finger halb eingeschlafen sodass ich neben den Kraulzügen ein paar Fingerübungen „einbauen" musste. Auf dem Rückweg war ich dann im „Flow" - die Bewegungen waren einstudiert - die Ohren voller Wasser - ich hab relativ wenig mitbekommen - aber es wurde auch nicht anstrengender - der Dampfer läuft.

 

WECHSELZONE 1

Nach einer Stunde und 22 Minuten war ich dann raus und durch mein „moderates" Schwimmen war ich auch gleich auf den Beinen. Nächste Teil-Disziplin: Neo ausziehen. Das hat mich am Rothsee (vor zwei Wochen) gefühlte 5 Minuten gekostet. Ich denke die „warme Brühe" im Kanal hat ihn sehr elastisch gemacht, sodass ich ihn ohne große Gegenwehr „abstoßen" konnte. Radschuhe an und ab aus dem Wechselzelt. Kurze Komplettbeschichtung mit Sonnencreme und auf direktem Weg zum Rad. Das geniale an einer „moderaten" Schwimmleistung: Du findest dein Rad sofort - denn alle anderen sind schon weg.

 

RAD

Zunächst: Wow. Von der Wechselzone bis zur Linkskurve in Heuberg ein durchgehender Pulk an Zuschauern. Werner`s Worte: Du brauchst die Brücke hoch keinen 40er Schnitt fahrn... also locker losgetreten und über die Schleuse in Eckersmühlen „gehüpft". Bis Selingstadt die Energietanks füllen - bis jetzt alles im Plan. Dann ab aufs Rollfeld Richtung Greding - Kette rechts - kaum Wind - Tacho jenseits von 40 km/h - das war wie Fliegen. Die Laufräder haben gebrüllt als gäbe es kein Morgen mehr. Es gab nur einen der noch schneller unterwegs war: Der führende Mann im Profifeld hat mich auf dem Weg zwischen Thalmässing und Greding überholt. OK das war verschmerzbar. In Greding dann das erste Mal eine komplette Wasserdusche an der Verpflegung um mich für den Berg vorzubereiten. Nachdem mir Werner bei den beiden TKN-Triathlon-Trainingstagen gezeigt hat wie man den welligen Berg bezwingt hab ich mich nicht besonders an ihm aufreiben müssen. Bei der anschließenden Abfahrt die Beine ausschütteln und dann zurück nach Hilpoltstein. Ich wusste aus den vorherigen Jahren als Zuschauer was da ungefähr passiert in Hilpoltstein - aber ganz ehrlich - wenn du auf dem „Bock" sitzt ist das noch mal ne ganz andere Nummer - was dort in deinem Kopf passiert ist kaum zu beschreiben: Gänsehaut, kein Puls mehr, keine Schmerzen mehr, überall positive Energie, 1000 Gesichter die dich hochbrüllen ... einfach unglaublich. So unglaublich das ich gleich mal mit dem großen Kettenblatt in den Berg gefahren bin?! Auf der Schleife zurück nach Hilpoltstein hab ich dann das erste Mal auf meinen Tacho geschaut und bin ein wenig erschrocken - da stand 34,5 km/h - wenn mich vorher jemand gefragt hätte wäre ich maximal von 32 km/h ausgegangen. Was war das für ein Husarenritt? War das zu viel um im Anschluss noch einen Marathon zu laufen? Ich kam langsam ins Grübeln... Naja wie auch immer zurückdrehen geht nicht - also weiter.
In der zweiten Radrunde kam dann Wind und ich musste mich wieder an Werner`s Worte erinnern: „Kämpfe nicht gegen den Wind - das ist sinnlos - mach dich möglichst klein auf den Rad!" und so bin ich die zweite Runde nicht mit Volldampf gefahren. Aufgrund des Windes hab ich irgendwann das Gefühl bekommen ich trockne aus. Daher an jeder Verpflegungsstation einmal Komplettdusche Kopf, Gesicht, Nacken, Rücken, Beine, ... (Tipp von Daniela). Auf der zweiten Runde wurde ich dann lautstark den Kränzleinsberg vor Hiltpoltstein hochgeschriehen (Danke Daniela) und den Solarer Berg hochgeprügelt (Danke Dieter). Schließlich die letzte Verpflegung vor der Wechselzone bei der ich nochmal ordentlich getankt habe und natürlich wieder eine Komplettdusche. Als ich kurz vor der Linie zum Absteigen in der Wechselzone auf meinen Tacho gesehen hab hat es mich dann zum zweiten Mal umgehaun: 5 Stunden und 23 Minuten?! Nicht lange überlegen! - Weiter!

 

WECHSELZONE 2

Was für ein freundlicher Empfang: „Hallo Markus, wie geht`s dir?" (hab ich schon so fertig ausgesehen?!). Ich hab den freundlichen Helfern geantwortet „Mir geht`s gut - wie geht`s euch?" worauf der junge Mann lachen musste. Schön dass man den Helfern ein bisschen zurückgeben kann - die sind wirklich alle richtig gut drauf. Radschuhe weg - Laufschuhe an - Schirmmütze auf - Sonnenbrille und ab geht`s... Wechsel unter 3 Minuten (hab ich etwas vergessen?!)

 

MARATHON

Kopf nochmal gekühlt und zwei Schwämme in die Hände (meine Notfallschwämme falls es zwischen zwei Verpflegungsstationen zu heiß wird). Ich bin losgelaufen „mit konstanter Trittfrequenz", also viel zu schnell. Gleich nach der Wechselzone haben mich dann meine Freunde & Familie in Empfang genommen und ein total irrer Typ hat mich förmlich aus der Wechselzone herausgebrüllt (Danke Domi). Rechts weg ab zum TKN Stimmungsnest. Ich war immer noch im Flugmodus (viel zu schnell). Weit entfernt hab ich schon gemerkt: Es wird gleich laut - richtig laut: „Lauf Junge, Lauf !!!". Genialer Start in den Marathon (der erste Kilometer ist praktisch geschenkt). Dann gings darum meinen Rhythmus zu finden. Immer wieder auf die Pulsuhr schauen: immer noch 04:30 min/km - viel zu schnell - mach langsam. Raus zur Lände zu laufen ist auch deswegen so abwechslungsreich weil man permanent die Schilder mit den Durchhaltesprüchen der Angehörigen lesen kann. Dann die Lände und links weg den Kanal entlang. Ich war guter Dinge weil ich gemerkt habe das ein großer Teil der Strecke im Schatten ist - ich war bisher davon ausgegangen dass ich fast nur Sonne habe. Auf halber Strecke zum Wendepunkt hab ich dann Thomas gesehen (der schon fast den Halbmarathon hinter sich hatte). Über die Schleuse nach Schwanstetten und dann wieder zurück am Kanal hab ich auf dem Mann mit dem Hammer gewartet - er kam allerdings nicht. Christian hat mich dann auf meinem Rückweg zur Lände nochmal angeschoben: „Zieh durch". An der Lände bin ich dann um die Rechtskurve und meine Jungs (Phil/Martin/Steffen) waren plötzlich auf der Matte „Das kann doch nicht alles sein - ich will mehr sehen!". Wow - so viel Unterstützung - der härteste Teil kommt aber noch.
Und er sollte auch kommen. Der Mann mit den Hammer hat nicht auf den Kopf gehauen - sondern in den Magen. Beim km 24 hat es dann richtig gekrampft. Nicht gehen! Immer weiter! Aber letztendlich musste ich eine Gehpause einlegen, denn die Krämpfe haben mir irgendwann den Atem genommen. Zum Glück bin ich dann auf meinen Arbeitskollegen getroffen der mir gut zugesprochen hat (Danke Eugen). Immer wieder der Versuch anzulaufen - allerdings erfolglos. Dann die nächste Verpflegung. Irgendetwas Festes essen - ein kleines Stück Kuchen und Bananen - mehr ging nicht. Nochmal anlaufen - 5 min - wieder Stechen - wieder Gehpause. Bitte nicht - hab ich mir gedacht - bitte nicht 17 km gehen - also wieder anlaufen. Nächste Verpflegung in Eckersmühlen - gleiches Spielchen - Kuchen und Banane - und weiter... dann hab ich zum Glück im Wald Markus getroffen und er hat mir gesagt, dass ich es mit Salz und Tuc`s probieren soll. Das hat dann auch wunderbar funktioniert. Probiert mal eine halbe Packung Tuc`s zu essen während eines Marathon`s - ist gar nicht so einfach aber es half. Dann der letzte Wendepunkt. Ein Triathlet der mit mir zusammen um den Wendepunkt herumgelaufen ist sagte mir „We are lucky guy`s!" Er war so glücklich dass wir keinen extra Kilometer (wegen Windschattenfahren) einlegen mussten, dass er mich damit angesteckt hat. Dann kam noch ein Amerikaner dazu der ihm erklärt hat er könnte noch weitere 100 Meilen laufen wenn es sein müsste (und das obwohl beide mittlerweile gegangen sind). Ich hab den beiden gesagt „now we are on our way back home" wir mussten alle nochmal schmunzeln und dann gings weiter für mich. Bei km 33 hat mir mein Eugen dann gesagt, wenn ich in diesem Tempo weiterlaufe werde ich unter die 11 Stunden kommen. Bei km 37 hab ich dann auf meiner Pulsuhr auf die Marathongesamtzeit umgeschaltet und 03:36 gelesen. Der dritte Schock: die 4 Stunden Marke ist machbar! Also nochmal zusammenreißen und keinen Quatsch mehr machen. An der Verpflegung nochmal Iso und Wasser nachgeschoben und einmal komplett nass machen. Dann gings ab: km 39 Stimmungsnest TKN. Der letzte (Berg) Hügel war nicht spürbar. Ihr habt mich dort hochgetragen! Das war heftiger als der Solarer Berg! Das war der Abschuss!!! 200m später musste ich allerdings büßen - da musste ich mich nochmal richtig zusammenreißen nachdem das Adrenalin dann wieder weg war. Eine kleine Runde durch Roth (von der ich nicht mehr viel weiß) und dann nochmal durch den TKN-Tunnel. An dem Punkt war ich bereits „berauscht" alles was ich noch erkannt habe war - eine WAND in WEISS - ihr seid GANZ GROSSES KINO! Um die Ecke herum dann nochmal der letzte Kick von meinen Freunde & der Familie und dann hatte ich praktisch nur noch ein paar hundert Meter in den Zielkanal. An dem Punkt wusste ich, dass ich in meiner Langdistanz-Premiere meine Marathon-Bestzeit verbessern werde (total bekloppt!!!) und unter 11 Stunden in Ziel komme. Also langsam um nicht mehr wegzukippen.

Das Finale: Das Stadion: Der Wahnsinn! Du hörst es schon bevor du den roten Teppich siehst! Dann hörst du deinen Namen! Dann läufst du ins Stadion! Alle jubeln dir zu! Du liest deinen Namen auf dem Zielbogen! Dann die Zeit: 10:50:36! Und du weißt du hast es gepackt!

Ich hab das nur gepackt, weil ihr mich unterstützt habt!!!

 

16.07.2015