Taubertal100 2018

Taubertal100 2018

„Das geht nicht“, sagt die Realität. „Mach es einfach“, flüstert der Traum. (M.M.P.)

Über Umwege vom Marathon zum Ultramarathon...

Ich war eigentlich der typische Marathoni. Einen Wettkampf nach dem anderen. Immer versucht, seine eigene Zeit zu unterbieten. Das war jahrelang mein Ziel. Habe ich nie geschafft... Der erste Marathon sollte mein bester bleiben. Mich plagten ständig irgendwelche Verletzungen, die mich dann bei den Wettkämpfen nur noch langsamer laufen ließen. Irgendwann kam ich zu der Frage : Wozu, warum?? Mich hatte dieses Marathongerenne müde gemacht. Und so beschloss ich, es einfach sein zu lassen. Aber, damit war ich irgendwie auch nicht glücklich.

Und dann war die Idee eines Tages in meinem Kopf. Nicht die Zeit sollte das Ausschlaggebende sein, sondern der Weg. Ich würde etwas laufen, bei dem ich mich nicht selber hetzte, sondern mich daran erfreute, wo ich entlanglief. Und da man eine Sache nur dann genug genießen kann, wenn man sie ausführlich betreibt, musste es eine Strecke sein, die den Marathon überstieg.

Nach und nach unterhielt ich mich mit meinen Vereinskollegen und erntete zunächst nur müdes Lächeln, da es bei uns zwar viele Triathleten, Läufer und Radfahrer gibt, aber sehr wenige, die sich an einen Ultramarathon wagen. Wir spaßten untereinander, dass wir uns gegenseitig schon für irgendwelche ewig langen Läufe angemeldet hätten. Ich werde nie Nataschas Gesichtsausdruck vergessen, als wir ihr unterbreiteten, dass Christoph von uns bei einem 50km Lauf angemeldet sei. Tatsächlich lief sie daheim angekommen gleich zum Pc, um in der Teilnehmerliste nachzuschauen, ob Christoph wirklich dort zu finden sei.

Aber einer hatte bei der ganzen Scherzerei wirklich angebissen. Jörg! Er verlor nie viele Worte darüber zu Anfang, aber er änderte einfach irgendwann sein Training... Und er änderte es konsequent! Genau ein Jahr vor dem Taubertal 100 2018 lief Jörg einfach so im Training seinen ersten 50er. Ich war unglaublich überrascht, was für eine Kraft und ein Willen in diesem Kerl steckten! Aber aus der Distanz, die er dann schlussendlich im Taubertal laufen würde, machte er noch einige Zeit ein Geheimnis.

Ich erinnere mich mit einem Grinsen an einige Jahre zuvor, als Jörg noch relativ frisch bei uns im Verein mitlief und ich ihn fragte, ob er nicht auch mal Lust hätte, an einem Wettkampf teilzunehmen. Er murmelte nur in seinen nicht vorhandenen Bart:“Ich weiß nicht, nee, lieber nicht. 10 km, ich weiß nicht, ob ich das schaffe...“

Trotz dessen, dass wir so einige Unterschiede in unseren Trainingsplänen hatten (Jörg hatte sich urkomischerweise einen Trainingsplan für 100km zusammengestellt, aber wir ahnten natürlich nicht im geringsten, für welche Distanz er sich schlussendlich anmelden würde), schafften wir es relativ oft, zusammen zu laufen. In den längeren Laufeinheiten unterschied sich mein 70km Plan nicht ganz so heftig zu Jörgs. Ich genoss die Stunden zu Anfang des Jahres in eisiger Kälte und später im Sommer bei brütender Hitze sehr, da Jörg ein unglaublich angenehmer und unterhaltsamer Mensch ist, mit dem man echt Pferde stehlen kann. Natürlich hatten wir oft Gesellschaft von unserem Mentor und guten Freund Florian, der für unsere ewig vielen Fragen immer ein offenes Ohr hatte. Und auch unsere liebe Lauffreundin Sabine fand des öfteren den Weg zu unseren vereinbarten Lauftreffpunkten. Wobei sie tatsächlich einmal aus versehen einen 50er mitlief. Kann ja mal passieren...

Zwei längere Trainingsläufe seien an dieser Stelle noch erwähnt. Es waren für mich Läufe, in denen ich feststellen durfte, wie tiefgründig und verlässlich solch eine Lauffreundschaft ist. Wir hatten uns (Florian, Jörg und ich) für den Fürth Metropolmarathon angemeldet. Unser Ziel lag aber weit jenseits der 42km Grenze. Schon früh vor dem Lauf drehten Jörg und ich unsere Runden, da wir insgesamt auf (ich) 50 bzw. (Jörg) 70 km kommen wollten. Mitten im Marathon ging es Jörg mit der Zeit immer schlechter. Magenprobleme und mentales Schwanken machten ihm zu schaffen. Doch Florian und ich ließen nicht locker und ihn schon gar nicht allein. Zuschauer riefen uns einige Male zu, ob wir schon aufgegeben oder ob wir die Zeit vergessen hätten, da wir des öfteren eine Pause einlegen mussten. Aber Jörg kam auf zwei Beinen ins Ziel und auf seiner Uhr standen am Ende stolze 72km.

Die selbe Unterstützung erfuhr dann ich bei unserem letzten langen Lauf bis zum Rothsee und zurück. Dieses Mal ging es mir nicht gut. Ich startete schon zu Anfang mit erheblichen Magenproblemen. Aber Jörg wich keinen Sekunde von meiner Seite. Und so hatte auch ich in unserem eigens gesteckten Ziel 70 km auf meiner Uhr stehen. Ich habe festgestellt, dass es Menschen gibt, die ihre Kraft mit anderen teilen können, an die man sich anlehnen kann, ohne umzufallen. Das hat mir sehr viel Vertrauen geschenkt. Vertrauen, das ich später gut brauchen konnte...

Und noch ein kleiner „Zwischenfall“ sei hier an dieser Stelle erwähnt. Irgendwann in diesem Sommer eines schönes Sonntag Morgens saß ich mit Florian bei Peter, seinem Sparta Laufpartner, auf der Terrasse nach einem entspannten Läufchen und unterhielt mich mit Peter über den Taubertal100. Peter war der festen Meinung, dass ich die 100km laufen sollte. Ich wusste nicht, woher er diese Gewissheit nahm, aber er ließ nicht locker. Und so kam ich ins Grübeln. War ich doch für die 71km angemeldet und mein ganzes Training zielte auf diese Distanz ab... Den Gedanken, den er mir an diesem Tag ins Ohr flüsterte, sollte mich lange in meinem Kopf begleiten, bis ich ihn schließlich in die Tat umsetzte...

Und dann kam unser Wochenende! Jörg und ich waren schon am Freitag die reinsten Nervenbündel. Wir waren zu viert angereist (Helmut für die 50km gemeldet, Florian mein treuer Supporter, Jörg und meine Wenigkeit). Der 5. ,Radim war autark. Ihn sahen wir nur am Start, da er mit seiner Frau angereist war und gleich nach seinem Zieleinlauf wieder heimfuhr.

Freitag Abend saßen wir zusammen in einem sehr interessanten Vortrag über das Ultralaufen von Hubert Karl, den ich schon in Sparta kennenlernen durfte. Danach wollte ich Florian noch unbedingt meine 2 Dropbags fertig gepackt mitgeben. Ich dachte, ich könne so besser schlafen, wenn schon alles an Ort und Stelle sei. Das Packen stellte mich vor ungeahnte Herausforderungen. Was brauchte man denn an Verpflegung bei einem 100km Lauf???? Nach dem ersten Einpacken, fühlte sich mein Laufrucksack (ohne Trinkblase wohlgemerkt) wie 20kg an. „Da kann etwas nicht stimmen“, sagte Florian mit einem Grinsen im Gesicht (scheinbar kannte er das Procedere nur zu gut von sich selber). Und so packte ich alles aus und wieder neu ein. Danach waren es ca. 19,5 kg. Das Spiel ging dann noch ca. 3x bis mein Rucksack sich annähernd gut anfühlte, so dass ein Mensch meiner Statur ihn auch tragen konnte. Wie ich von Jörg erfuhr, hatte er nur eine Wand weiter (er hatte das Zimmer neben mir) genau das selbe Problem.

Um 3:45 war die Nacht vorbei. Es war grausam. Steckte mir doch noch der Griechenlandaufenthalt und 2 Tage Arbeit in den Knochen. Und an Schlaf war bei der ganzen Aufregung irgendwie auch nicht zu denken. 4:30 gab es ein leichtes Frühstück und kurz nach 5:00 zündeten wir unsere Fackeln vor dem Hotel an. Eine ganz eigene Stimmung breitete sich auf der Straße unter den flackernden Fackeln aus. Ich sah in Jörgs Augen und fühlte die selbe Aufregung wie sie in mir wütete. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Irgendwie würden wir das schon schaffen...

Zügig setzte sich der Fackelzug in Bewegung durch die Stadt Rothenburg hinunter zur Tauber. Dort bekamen wir von einem Ritter die Botschaft mit auf unseren Weg, die wir in unser jeweiliges Ziel tragen sollten. Pünktlich um 6 Uhr fiel der Startschuss. Es ging also los! Jörg und ich hatten beschlossen, die ersten 18 km zusammen zu bleiben und uns dann bei dem Checkpoint , an dem unsere Wechselklamotten auf uns warteten, zu trennen. Ich wusste, dass ich sein Tempo nicht ewig mitlaufen konnte. Dafür hatte ich einfach nicht zielgerecht trainiert und die Anstrengungen der letzten Tage machten meine Beine schnell müde. Was wir erst hinterher feststellen sollten, wir waren nie mehr als 15 min voneinander getrennt und das sollte bis zum Zieleinlauf auch so bleiben.

Creglingen km 18, Jörg hatte sich schon so gut wie unter dem Laufen umgezogen und lief fast ohne Stopp durch. Ich hingegen, und das ist das altbekannte Spiel bei uns Frauen, brauchte einige Zeit länger, um mich aus den zu warm gewordenen Klamotten in die neuen luftigeren zu schmeißen, die mir Florian entgegenhielt. Dann ging es auch für mich weiter. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen, hatte zeitweilig den Himmel komplett in Orange gefärbt und wir sahen nun die wunderschöne Landschaft, durch die wir liefen. Kleine süße Dörfer, alte Schlösser sowie ein Trompeter auf einer Burg, der nicht müde wurde, uns mit seinem Spiel anzufeuern, säumten unseren langen Weg. Und immer wieder stand mein treuer Freund Florian an der Strecke, versorgte mich mit allem, was ich brauchte nebst Mut und Zuversicht. Eine von vielen unglaublichen Überraschungen in immer wiederkehrenden Abständen waren meine Vereinskollegen Natascha, Christoph und Georg. Lautstark feuerten sie uns unermüdlich den ganzen Tag an. Eine selbst gebastelte Musikanlage auf dem Gepäckträger ihrer Fahrräder und eine immer wieder mit neuen Sprüchen bestückte Vereinsfahne waren ihre Markenzeichen. Wie war ich froh, wenn ich schon aus 5km Entfernung die kraftvolle Stimme Georgs vernahm und wusste, dass ich gleich eine Tüte mentale Hilfe mit auf den Weg bekam.

Km 71, mein eigentliches Ziel. Aber ich hielt mich dort nur kurz auf, um etwas zu trinken und mich dann von Florian wieder auf den Weg schicken zu lassen. Keinen Gedanken verschwendete ich daran, evtl. doch dort zu bleiben. Ich hätte ja aufhören können, aber ich lief einfach weiter...

Von Helfern an gewissen Verpflegungspunkten und von unseren drei tapferen Vereinssupportern, die immer zwischen Jörg und mir pendelten, hörte ich, dass es Jörg zeitweilig nicht gut ging. Er hatte wohl einen kleinen Einbruch, fing sich aber recht schnell wieder und blieb seinem Ziel treu. Auch mir sagte man nach, dass ich eine Zeit lang nicht besonders gut ausgesehen haben soll. Ich selbst hatte das nicht ganz so empfunden. Mir machte nur einige Zeit die Gewissheit zu schaffen, dass ich noch viel langsamer geworden war, als ich es mir vorgenommen hatte. Aber ich hatte mein Ziel immer fest vor Augen. 100 Km, und wenn ich auf allen Vieren in dieses Ziel kriechen würde...

Ab km 50 war ich nur noch am Herunterzählen. Nur noch 40km, nicht mal mehr einen Marathon, nur 20... So versuchte ich mich zu beruhigen. Und es klappte! Irgendwann waren tatsächlich nur noch winzige 3km übrig. Es hatte sich mir ca. 2km vorher ein anderer Läufer angeschlossen, der auch nicht schneller zu laufen vermochte, als ich in der letzten Ortschaft vor Wertheim mitten auf der Straße Hubert Karl mit einem Bier in der Hand und einem breiten Grinsen im Gesicht entdecke. Es kam mir vor wie eine Fata Morgana. Da steht mitten auf der Straße Mr. Spartathlon und wartete tatsächlich auf mich, um mich ein letztes Mal zu motivieren und schlussendlich ins Ziel zu bringen. Ich war unglaublich gerührt! Unterwegs war er schon einmal am Straßenrand gestanden und lief eine kleine, für mich aber sehr wichtige, Weile mit mir. Es tat so unglaublich gut, dass Laufriesen mit so viel Erfahrung wie Hubert und auch mein lieber Florian an einen glaubten! Der Zieleinlauf nach sage und schreibe 12h23min (Jörg hatte das ganze nach 12h07min hinter sich), war sehr bewegend für mich. Ich bin nicht der Mensch, der an Ort und Stelle seinen Emotionen freien Lauf setzt. Aber ich hatte ein Glücksgefühl in mir, das ich nicht zu beschreiben wage. Und wenn ich mir im nach hinein das Video von Jörgs Zieleinlauf anschaue, entdecke ich da die selben Emotionen.

Ganze 100km lagen hinter uns!

Ungläubig schaute ich den Ritter an, der zum Schlag ausholen wollte, und mir befiel, auf die Knie zu gehen. Aber auch das ging irgendwie. Und jetzt... sind Jörg und ich waschechte Ritter!

Ich habe bei diesem Lauf verdammt viel über mich selbst gelernt. Dafür bin ich sehr dankbar! Ich weiß jetzt, dass es sich manchmal lohnt, fest an seine Ziele zu glauben. Wenn man selber träumt, gibt es wiederum andere Menschen, die mit einem träumen. Und das lässt einen fast fliegen...

 

 Taubertalultra